Deckungsnotstände

Kein D&O-Lockdown! Managerschutz ist systemrelevant

Beitrag von Franz M. Held

2020 haben die D&O-Versicherer deutlich mehr Geld für Schäden ausgegeben als noch im Vorjahr. Insgesamt liegt die Schadenquote bei 110 Prozent, wie Zahlen des GDV zeigen. Zudem steigen die D&O-Schäden schneller als die Beiträge. Unternehmen beklagen deshalb, dass viele Anbieter die Regenschirme zuklappen. Was ist dran am drohenden Deckungsnotstand?

Ganze Branchen finden heutzutage keinen passenden D&O-Schutz mehr. Das schreibt etwa vwheute. Tourismus, Handel, Entertainment und Sport seien für viele Anbieter rote Tücher und würden gar nicht mehr versichert. Das trifft vor allem die klein- und mittelständischen Unternehmen, weil diese ohnehin seltener D&O-versichert seien und wer daran jetzt noch etwas ändern wolle, gucke sprichwörtlich in die Röhre. Steht das Land vor einem länger anhaltenden Deckungsnotstand?

Startup statt Lockdown!

Alle D&O-Anbieter im Markt sollten sich fragen, welche Verantwortung sie dafür haben, dass es in Deutschland nach der Pandemie wirtschaftlich wieder aufwärts geht. Dazu gehört, für den Ernstfall adäquaten Versicherungsschutz zur Verfügung zu stellen, weil sich angesichts der persönlichen Haftungsrisiken ansonsten kaum noch jemand darauf einlassen wird, ein Unternehmen zu führen.

Zur Erinnerung: die persönliche Haftung von Unternehmensleitern ist unbegrenzt und erstreckt sich auf das gesamte Privatvermögen. Zudem sieht der Gesetzgeber vor, dass sich die Betroffenen „freibeweisen“ müssen. Das Unternehmen als Anspruchsteller braucht nur plausibel darzulegen, dass ein Schaden durch eine vermeintliche Pflichtverletzung entstanden ist, wohingegen die Geschäftsleiter beweisen müssen, dass sie die erforderliche Sorgfalt haben walten lassen. Dieses Risiko einer persönlichen Inanspruchnahme ist untrennbar mit dem Unternehmertum verbunden. Das gilt sowohl für die bewusst eingegangenen Risiken, um sich einen Vorteil am Markt zu verschaffen. Aber auch für solche, die sich daraus ergeben, etwas falsch eingeschätzt oder beurteilt zu haben. Die D&O-Versicherung sollte hier bestmöglichen Schutz bieten.

Darum sind die Anbieter gefragt, die mit ausreichend qualifiziertem Personal sehr differenziert und einzelfallbezogen vorgehen. Gutes Underwriting ist das Gebot der Stunde, damit gerade auch in kriselnden Branchen die Geschäfte gesunder Unternehmen wieder anlaufen und weitergeführt werden können und sich genügend Menschen finden, die die damit verbundene Verantwortung auch übernehmen wollen.

So ist der Beitrag für eine D&O-Versicherung auch gut investiertes Geld, weil sich hierdurch Haftungsrisiken erheblich minimieren lassen. Gerade jetzt gilt: Solange sich der D&O-Schutz in bedarfsgerechter Weise einkaufen lässt, solange bleiben die Chefetagen mit den besten Leuten besetzt. Was wir brauchen, ist Startup statt Lockdown.

D&O-Versicherungen sind systemrelevant

Corona ist dabei längst nicht der einzige Grund, warum viele Firmen vor neuen Herausforderungen stehen – so gewinnen beispielsweise Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen immer mehr an Bedeutung. Aber auch die Gesetzgebung und Rechtsprecchung sowohl in Deutschland als auch international sowie die gestiegene Anspruchsmentalität insgesamt lassen das individuelle Risiko von Managern weiter steigen. Weil diese Risiken stets existenzbedrohlich sein können, sind D&O-Versicherungen unverzichtbar, wenn nicht sogar systemrelevant.

Sich ohne adäquaten Schutz auf den Chefsessel zu setzen, wäre also fahrlässig. Das gilt nicht nur für die Top-Dax-Unternehmen in Deutschland, sondern auch für mittelständische Betriebe, auch wenn diese weniger im medialen Rampenlicht stehen. Skandale wie bei VW oder Wirecard sorgen zwar für die nötigen Schlagzeilen. Doch schon eine versäumte Frist kann dazu führen, dass sich ein Unternehmensleiter mit finanziell nicht mehr allein zu stemmenden Forderungen konfrontiert sieht.

Klar ist auch, dass die allermeisten Firmenlenker und Firmenlenkerinnen ihren Job ohne erkennbare Pflichtverstöße meistern. Doch es gilt, was immer gilt, wenn es um kaum noch kalkulierbare Risiken gilt: Lieber eine Versicherung haben und nicht brauchen, als eine zu brauchen und nicht zu haben. Dafür müssen wir als Anbieter mit sorgen.

Franz M. Held

Leiter Recht und Compliance / Senior Executive Advisor